teilnehmende Künstler:


Francisco Montoya Cázarez

Antoine Renard 

Oval Office (Jaakko Pallasvuo & Mikko Gaestel)

Luc Mattenberger 

Gwenola Wagon & Stéphane Degoutin 

Baden Pailthorpe 

Sarah  Sweeney 

Anne de Vries

Bettina Pousttchi  

Sascha Pohflepp & Alexandra Daisy Ginsberg


Kuratoren:


Elisa R. Linn / Lennart Wolff / Judith Lavagna


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Vernissage:

Friday, August 23, 2013 at 7 pm

Veranstaltung:
07 September, 2013

Future Apparatus of Loving Grace; readings on Utopia

Rodrigo Maltez Novaes.


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Als hoffnungsvolle Vorwegnahme der Zukunft zur Bewältigung der Gegenwart, als wirkende Stoßkraft für gesellschaftliche Entwicklung und als kritischer Gegenentwurf zum Bestehenden: Die Utopie scheint trotz diverser Ansätze stets zukunftsorientierte Vorstellungen zu implizieren, die eine Gemeinschaft skizzieren, deren Fortschritt im Besonderen von Innovationen vorangetrieben wird. Mit seinem klassischen utopischen Werk „Nova Atlantis“ (1627), dem Entwurf einer technisch und entwicklungsgeschichtlich weit fortgeschrittenen Zivilisation, bereicherte Francis Bacon den Wissensdiskurs sowie die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Fortbestehen und den Grenzen des Fortschritts. Zentral in seiner Vorstellung einer idealen Gesellschaftsform, die in der Idee einer untrennbaren Symbiose aus progressiver Wissenschaft, ökonomischem Wachstum und sozialer Gerechtigkeit verankert ist, war die Steigerung des Wohlergehens der Menschen mittels Erfindungen, die den Überfluss fördern. Während mit der fortschreitenden Automatisierung von Maschinen im 19. Jahrhundert Naturwissenschaft und Technik endgültig zum vermittelnden Element einer besseren Zukunft avancierten, begannen Anfang des 20. Jahrhunderts sowohl die Euphorie der Baconschen Fortschrittsvision als auch die Begierde nach einem zukünftigen Idealzustand zugunsten selbstkritischer Utopien und dystopischer Abhandlungen bis in die Gegenwart zu schwinden.


Im heutigen „nachutopischen Zeitalter“ lässt uns der technophile Rauschzustand meist gewissen- und bewusstseinslos die originelle Informationstechnik affirmieren. Dennoch scheinen sich im Hinblick auf die derzeitigen Debatten über staatliche Überwachung und computerisierte Waffen, die Risiken erschaffener Innovationen, vor denen bereits Norbert Wiener in seiner kybernetische Theorie warnte, zu bewahrheiten: Die Befürchtung, dass mit technologischem Fortschritt auch Maschinen lernfähiger werden, sie der menschlichen Kontrolle entfliehen und letztlich den Freiheits- und Individualitätsanspruch des Menschen gefährden. Eine neomaterialistische Perspektive sieht vor allem in der Aneignung und Nutzung von Medienkompetenz und dem kritischem Umgang mit Innovationen, die Chance, Potentiale sinnvoll zu nutzen und neue Möglichkeiten etablieren zu können, die auch für zukünftige Visionen fruchtbar sind. Denn als selbstorganisierende Bestandteile unserer Materie münden sie in Erzeugnisse, deren synthetischer materieller Basis wir Menschen uns gegenwärtig noch nicht bewusst sind. Eines ist gewiss: die Utopie ist als Einwand gegen die Ohnmacht und eine fatalistische Weltauffassung wohl gegenwärtig keinesfalls am Ende angelangt. Angesichts veränderter Formen des Bewusstseins und neuer Kategorien des Denkens durch das Ineinandergreifen virtueller und realer Räume stellt sich demnach die dringliche Frage, wie sich utopische Vorstellung von der Zukunft im Hier und Jetzt gestalten.


In der Ausstellung „new atlantis“ werden zeitgenössische Positionen internationaler Künstler präsentiert, die kulturkritischen und optimistischen Ansätzen folgend, sich dem Fortschrittsgedanken und seinem Ursprung in utopischen Visionen, der Genese sowie den Auswirkungen von Innovationen, widmen. Die Künstler untersuchen die sich stetig neu-definierende Materialität unserer Konsum-gesellschaft sowie ihre Mechanismen der Produktion, die in den disziplinären Kollektivstrukturen des Militärs verwurzelt sind. Einige setzen sich mit evolutionären Entwicklungsprozessen auseinander und experimentieren mit der Synthese heterogener Objekte unserer Umwelt sowie deren gegenseitigem Wirken aufeinander. Die Erweiterung der Funktionen unseres Körpers, die automatisierenden Mechanismen und das anhaltende öffentliche Gedächtnis unserer digitalen Kultur werden von den Künstlern zukunftsperspektivisch betrachtet und mit den ursprünglichen Wesensmerkmalen des Menschen, der Handlungs-, Denk- und Erinnerungsfähigkeit, konfrontiert. Hierbei werden Zukunftsvisionen von der Durchbrechung bestehender Artgrenzen, genetisch generierter Organismen und maschineller Mischwesen zur Bereicherung unseres Lebens künstlerisch reflektiert, weiterentwickelt und in Frage gestellt. Andere thematisieren in ihren Werken die Attribute technologischer Neuerungen und wie diese in der Interaktion ökonomischer, politischer und militärischer Institutionen für autoritäre Zwecke genutzt werden. Die Ästhetik intelligenter Maschinen und erweiternder Systeme rückt hier in den Vordergrund, um ihre diametralen Definitionsmöglichkeiten und Funktionen offenzulegen, wobei schließlich dem Betrachter die Entscheidung über ihre inhärente Kraft des Guten oder Bösen überlassen wird.                      


supported by:

pro helvetia Swiss Arts Council 

new atlantis


24/08/2013 - 13/09/2013

e / d

Baden Pailthorpe, Cadence I, 2013


Baden Pailthorpe, Cadence I, 2013 / Oval Office (Mikko Gaestel / Jaakko Pallasvuo), Cooler, 2013


Luc Mattenberger, Treuil, 2010


Luc Mattenberger, Treuil, 2010


Antoine Renard, Utopic compost (New Earthlike Samples), 2013 / Anne de Vries, “Hold on“, 2013


Anne de Vries, “Hold on“, 2013


Anne de Vries, “Hold on“, 2013


Antoine Renard, Utopic compost (New Earthlike Samples), 2013

Antoine Renard, Utopic compost (New Earthlike Samples), 2013

Sarah Sweeney, “The Forgetting Machine“, 2013

Sascha Pohflepp / Alexandra Daisy Ginsberg , “Growth Assembly“, 2009

Gwenola Wagon / Stéphane Degoutin, Cyborgs in the Mist, 2011/2012

Luc Mattenberger, Help for a Revolution, 2013; / Bettina Pousttchi, Starker Staat 2 / 10, 2003

Bettina Pousttchi, Starker Staat 2, 2003

Bettina Pousttchi, Starker Staat 10, 2003

Francisco Montoya Cázarez, The Golden Apple, 2013